Hast Du schon mal mit einer App meditiert und warst von sich wiederholenden Wörtern wie „Energiezentren“, „Universum“ oder „manifestieren“ genervt? Schwärmt Dir Deine Kollegin von ihrem letzten Retreat die Ohren voll und Dir nimmt schon der Gedanke an den Geruch von Räucherstäbchen den Atem? Wolltest Du einfach mal etwas über Meditation lernen und wurdest mit esoterisch klingenden Ideologien überschüttet, sodass Du abgeschreckt den Kurs bereits nach der ersten Stunde wieder verlassen hast?
Dann gibt es eine gute Nachricht für Dich: Meditation geht auch ohne Esoterik, Religion oder Spiritualität. Und wirkt dennoch.
- Meditieren muss nicht esoterisch oder spirituell geprägt sein – es geht auch ohne.
- Vom Wortstamm her bedeutet „meditieren“ einfach: nachsinnen, nachdenken, Betrachtung anstellen.
- Die positiven Wirkungen auf Körper, Geist und Seele sind wissenschaftlich nachgewiesen: bspw. Senkung des Blutdrucks, Verlangsamung des Herzschlags, verminderte Freisetzung von Stresshormonen, bessere Konzentration. Etablierte und anerkannte Therapieformen wie MBSR (mindfulness based stress reduction) oder MBCT (mindfulness-based cognitive therapy) nutzen diese Effekte.
- Meditation hat positive, lindernde und unterstützende Wirkungen physischer und psychischer Art – aber sie ist kein Allheilmittel und hat ihre Grenzen.
- Meditation kann viele nicht-esoterische Formen annehmen: Puzzeln, Teetrinken, Geschirr abwaschen oder auch Meditation in der Natur.
Warum Meditieren nichts mit Esoterik oder Spiritualität zu tun hat
Typischerweise assoziieren wir mit Meditieren folgende Bilder: Der greise Guru, der stundenlang unbeweglich im Lotussitz verharrt. Mantras singende Hippies mit Klangschalen. Räume voller Räucherstäbchen und Kerzen. Oder Wellnessfantasien voller Erleuchtungsversprechen und geheilter Chakren.
Das spiegelt allerdings ein recht einseitiges Bild der Meditationpraxis wider.
Am ehesten wird Meditation vermutlich mit Hinduismus und Buddhismus in Verbindung gebracht. Es gibt aber auch eine westliche Tradition bei den christlichen Mystikern (und ziemlich sicher haben auch unsere keltischen Vorfahren meditiert). Soll heißen: Selbst wenn Meditation historisch gesehen aus diesen Traditionen stammt, bedeutet das nicht, dass sie ohne Religion nicht funktioniert.
Der Duden definiert „meditieren“ wie folgt: nachsinnen, nachdenken; Betrachtungen anstellen.
Ich finde, diese Definition von Meditation klingt recht bodenständig und ganz und gar nicht esoterisch. Warum auch? Wenn man die Herkunft des Wortes betrachtet, stammt es laut Duden vom lateinischen Wort „meditari“ ab, was „nachdenken, sinnen, eigentlich“ beziehungsweise „ermessen, geistig abmessen“ bedeutet.
Meditieren: eine jahrhundertealte Praxis mit nachgewiesener Wirkung
Ich finde es gut und hilfreich, zu meditieren, solange ich mich nicht von Vorschriften eingeengt oder bevormundet fühle. Deshalb gebe ich hier bei Freiraum-Pfade auch keine „So-musst-Du-es-machen“-Anleitungen, sondern möchte Dich lediglich inspirieren.
Beispielsweise wie Du eine Gehmeditation in der Natur oder eine kurze, praktikable Atemmeditation durchführen kannst. In meinem Artikel „Meditieren in der Natur – Klarheit spüren, Dir selbst begegnen“ findest Du weitere Anregungen, in der Natur zu meditieren – alle ganz ohne Geister, Engel oder Glaubenssysteme.
Ich stütze mich dabei auf meine eigenen Erfahrungen, die ich mit diesen einfachen Meditationsformen gemacht habe, und auf wissenschaftliche Forschungen. Neurobiologen, Psychologen und Mediziner haben mittels Gehirnscan und anderer Untersuchungen bereits in den 1970ern nachgewiesen, wie positiv Meditieren auf Körper, Geist und Seele wirkt: Beispielsweise senkt es den Blutdruck [1] oder verlangsamt den Herzschlag [2], um nur zwei Effekte zu nennen.
Meditieren hilft, Stress zu reduzieren
Bei Stress werden im Körper immer Stresshormonen ausgeschüttet – allen voran Adrenalin und Cortisol. [3] Mit diesen Hormonen wird der Organismus in Alarmbereitschaft versetzt, weil sie unter anderem die Herzfrequenz steigern und den Körper mit Energie versorgen. Einmal „ausgeschüttet“ sind diese Hormone (chemische Verbindungen) im Blutkreislauf und zirkulieren dort eine Weile, wodurch sie verschiedene körperliche Reaktionen auslösen. Solange sie in der Blutbahn sind, können die körperlichen Stresssymptome nicht verschwinden, lediglich abklingen.
Im Gegensatz zu Adrenalin, welches relativ schnell vom Körper wieder abgebaut wird, kann Cortisol bis zu mehreren Stunden im Körper verbleiben. Es dauert also, bis dieses Hormon wieder abgebaut ist und nicht mehr auf das Nervensystem wirkt. [4] Natürlich nur dann, wenn während dieser Zeit nicht erneut Stresshormone produziert werden.
Eine 20- bis 30-minütige einfache Sitzmeditation – ob drinnen oder draußen – hilft also, die körperlichen Reaktionen auf Stress abklingen zu lassen. Darüber hinaus wurde in Untersuchungen festgestellt, dass Meditieren an sich schon dafür sorgt, dass nach externen Stressereignissen weniger Cortisol freigesetzt wird. [5]
regelmäßiges Meditieren verändert messbar die Gehirnstruktur zum Positiven
In einer Querschnittstudie wurden die Gehirne von Menschen, die bereits meditieren, mit Gehirnen von Menschen verglichen, die das noch nicht tun. Es wurde festgestellt, dass die Regionen im Gehirn, die mit Aufmerksamkeit zusammenhängen und in denen Sinnesreize verarbeitet werden, bei Menschen, die regelmäßig meditieren, dicker waren, als bei den Menschen, die nicht meditierten. [6] Besonders bei älteren Teilnehmerinnen fiel der Unterschied stärker aus.
Die Funktionen dieser Gehirnregionen werden auch mit Selbstkontrolle und Entscheidungsfindung verknüpft, was sich etablierte Therapieformen wie MBSR (mindfulness based stress reduction) oder MBCT (mindfulness-based cognitive therapy) zunutze machen. Dabei legen sie den Fokus auf die psychische und physische Gesundheit, weshalb man sie auch als weltliche (säkulare) Mediationspraxis bezeichnet. In Abgrenzung zu esoterischen oder religiösen Ansätzen.
Zugespitzt könnte man den Unterschied so erläutern: Esoterik sucht Halt über Geister, Engel oder auch Wahrsagerei. Religion bindet an feste Dogmen. Die weltliche Praxis reduziert Meditation auf Technik und Wirkung, ohne Glaubenssysteme vorauszusetzen.
Was Meditation NICHT leistet – egal ob mit oder ohne Esoterik
Wie schon beschrieben: Meditation hat positive, lindernde und unterstützende Wirkungen physischer und psychischer Art. Aber sie ist kein Heilversprechen gegen alles und jeden und sie kann keine Wunder vollbringen: Meditation heilt keinen Krebs, führt nicht zwangsläufig zu immerwährenden Glücksgefühlen und lässt auch keine Wunschträume wie aus dem Nichts wahr werden.
Eine kleine Geschichte über Brooke Shields und Steffi Grafs Beine
Beim Schreiben dieses Artikels fiel mir eine Geschichte ein, die ich vor ein paar Jahren in der Autobiografie von Andre Agassi gelesen habe. Agassi war 20 Jahre lang einer der weltweit erfolgreichsten Tennisspieler und laut eigenem Bekunden schon immer in Steffi Graf verliebt, auch wenn die beiden erst Jahre später geheiratet haben. Dazwischen war er mit der amerikanischen Schauspielerin Brooke Shields verheiratet, bekannt vor allem aus dem Film „Die blaue Lagune“.
Über Brooke erzählt Agassi in seiner Biografie, dass sie schon immer neidisch auf Steffis Beine gewesen sei. So schöne Beine wolle sie unbedingt auch haben. Ob dieser Neid etwas damit zu tun gehabt haben könnte, dass sie Agassis heimliche Verliebtheit gespürt hat oder nicht, kann ich natürlich nicht beurteilen. 😉 Aber das tut auch nichts zur Sache.
Worauf ich hinaus will, ist der in meinen Augen völlig absurde Vergleich, den eine Schauspielerin mit einer Profi-Sportlerin gezogen hat. Steffi Graf mag von der Natur mit schönen Beinen beschenkt worden sein. Ihre tolle Form haben diese aber sicher erst dadurch bekommen, dass sie das ganze Jahr über, Tag für Tag, mehrere Stunden trainiert hat. Mit ein paar Stunden Gym ist das wohl kaum zu erreichen. Und selbst wenn, mich stört an der Sache, dass hier in meinen Augen Äpfel mit Birnen verglichen werden. Woher kommen diese unpassenden Vergleiche? Wie in aller Welt will eine Nicht-Profisportlerin die gleichen Beine bekommen, wie eine Profisportlerin?
Vielleicht fragst Du Dich jetzt, was Steffis Beine mit Mediation zu tun haben. Nun, gerade in Bezug auf Meditation wird häufig ähnlich verfahren: Es werden Birnen als anzustrebendes Ideal verkauft, dabei geht es doch eigentlich um Äpfel. Dafür werden die Gehirnscans von meditierenden Mönchen als Vergleich herangezogen. Nach dem Motto: „Schau mal, wie entspannt und gelassen dieses Gehirn ist, das kannst Du auch erreichen!“
Kannst Du das? Ich zweifle nicht an den Ergebnissen dieser Hirnscans. Allerdings: Wie soll das für Normalmenschen gehen? Die buddhistischen Mönche, deren Gehirnscans als Beispiele herangezogen werden, verbringen Jahre, wenn nicht Jahrzehnte damit, täglich mehrere Stunden zu meditieren. Sie sind im Bereich Mediation das, was Steffi auf dem Tennisplatz war: Vollprofis. Ich vermute mal, Dein Leben ist schon voll genug mit anderen Dingen, um noch einen weiteren 70-Stunden-Job reinzuquetschen.
Mal ganz abgesehen davon, dass ich nicht weiß, warum es immer Birnen sein müssen und nicht Äpfel sein können, stellt sich mir auch die Frage: „Ist es erstrebenswert, sein Leben in der meditativen Versenkung zu verbringen?“ Reicht es nicht völlig aus, im eigenen Zeitrahmen zu meditieren? Je nach den eigenen Möglichkeiten? Denn: Ja, meditieren wirkt und hat positiven Einfluss auf Körper, Geist und Seele. Und zwar nicht, weil nur viel, viel hilft. Sondern weil auch kurze Einheiten ihre Wirkung haben. Mein Tipp: Probiere es für Dich aus – ohne überhöhte Ansprüche oder unpassende Vorbilder. So wie es für Dich stimmt. Und für das, was Du damit erreichen willst.
Fazit: Meditation ohne Ritual, Sitzkissen oder Glaubenssätze – dafür alltagstauglich
Das Feld der Meditation ist groß. Natürlich kann ich es nicht umfassend in diesem kurzen Artikel abhandeln – das war gar nicht mein Anspruch. Mir geht es darum, aufzuzeigen, dass man ohne esoterische Anwandlungen, spirituellen Überbau oder Ideologie-Hörigkeit meditieren und dennoch von den positiven Wirkungen profitieren kann.
Genauso wenig, wie ich selbst Gurus hinterherlaufe, gebe ich für andere auch keine so-musst-Du-es-machen-Ratschläge. Daher: Falls Du neugierig geworden bist, probiere es einfach selbst aus. Mein Steckenpferd sind Meditationen in der Natur, die verschiedenste Formen annehmen können. Doch wenn Du lieber drinnen bleibst, kannst Du Puzzeln, Teetrinken oder den Geschirrabwasch zur Meditation machen, indem Du ein paar grundlegende Dinge beachtest:
- Nimm Dir Zeit und gönn Dir auch die Zeit – habe Geduld versuche nichts zu erzwingen.
- Spüre, rieche, taste, höre mit all Deinen Sinnen. Wenn es das Puzzleteilchen ist, befühle es ausgiebig, bevor Du seinen Platz suchst. Wenn es der Tee ist, fühle die Wärme des Bechers, rieche den Duft des Tees, lass Dir seinen Geschmack auf der Zunge zergehen und schaue dabei entspannt in die Gegend. Und auch Geschirr kannst Du mit allen Sinnen abwaschen. Spüre die Wärme des Wassers, höre dem Plätschern zu, rieche das Spülmittel, erkunde mit Deinen Fingern die unterschiedlichen Formen von Tassen, Tellern und Besteck.
- Beobachte dabei auch Deine Gedanken – versuche nicht, sie zu unterbinden. Wenn Du feststellst, dass Du in Deinen Gedanken versunken warst, nimm das einfach nur zur Kenntnis und kehre freundlich wieder zu dem zurück, mit dem Du Dich gerade beschäftigst. Mit einem Lächeln kannst Du Dir dabei Folgendes sagen: „Ah, jetzt war ich gerade in Gedanken versunken. Nun kehre ich mit meiner Aufmerksamkeit zu XY zurück.“ Denn: Zu meditieren heißt nicht, gar nicht zu denken. Es bedeutet lediglich, Deine Gedanken und Gefühle wahrzunehmen.
Sei gegrüßt,
Deine Dagmar
wissenschaftliche Quellen
[1] Michaela C. Pascoe, Michael de Manincor, Jana Tseberja, Mats Hallgren, Peter A. Baldwin, Alexandra G. Parker: Psychobiological mechanisms underlying the mood benefits of meditation: A narrative review. In: Comprehensive Psychoneuroendocrinology. Band 6, Mai 2021, S. 100037 https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9216450/
[2] Robert Keith Wallace: Physiological Effects of Transcendental Meditation. In: Science. Band 167, Nr. 3926, 27. März 1970 https://www.science.org/doi/10.1126/science.167.3926.1751
[3] McEwen BS: Protective and damaging effects of stress mediators. N Engl J Med. 1998 Jan 15;338(3):171-9. https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJM199801153380307
[4] McEwen BS: Protective and damaging effects of stress mediators. N Engl J Med. 1998 Jan 15;338(3):171-9. https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJM199801153380307
[5] Perla Kaliman, María Jesús Álvarez-López, Marta Cosín-Tomás, Melissa A. Rosenkranz, Antoine Lutz, Richard J. Davidson: Rapid changes in histone deacetylases and inflammatory gene expression in expert meditators. In: Psychoneuroendocrinology. Band 40, 1. Februar 2014 https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4039194/
[6] Lazar, S. W., Kerr, C. E., Wasserman, R. H. et al. (2005): Meditation experience is associated with increased cortical thickness. NeuroReport, 16(17), 1893–1897. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1361002/
