Allein in der Natur – Warum ich keine Gruppenangebote mache

veröffentlicht am 16/10/2025

zuletzt aktualisiert am 12. Oktober 2026

Wir saßen in der Naturcoaching-Ausbildung gemeinsam an einem Tisch und gaben uns Feedback zu unseren Naturerfahrungen. Draußen leuchtete das Maigrün der Bäume, die Sonne schien. Ich hörte aufmerksam zu, suchte wohlwollende Worte für die anderen, nahm ihre Rückmeldungen entgegen und grenzte mich dabei innerlich immer mehr ab.

Mit jedem Tag der Fortbildung schwand meine Energie. Meine Gedanken kreisten nur noch um die anderen, meine eigenen Ideen verschwanden darunter. Das Grün der Bäume leuchtete für mich immer blasser.

Am Ende des Seminars fühlte ich mich wie nach einer durchzechten Nacht – benebelt, erschöpft, ausgelaugt. Und da war wieder dieses dumpfe Gefühl: Ich habe mich selbst vergessen.

Raus in die Natur, um in mich hineinzuspüren.

Ein paar Tage später saß ich mit meinem Journal in der Natur. Das mache ich immer nach Seminaren – früher, um den Stoff zu wiederholen, heute vor allem, um mich zu sortieren. Ich blätterte durch meine Notizen, las, was die anderen gesagt hatten, und mir wurde klar, was ich schon über die Jahre gespürt hatte: In Gruppen fällt es mir schwer, Kontakt zu mir und meinen Ideen zu halten. Meine Gefühle wirklich wahrzunehmen. Mich selbst zu reflektieren. Ich bin viel mehr bei den Anderen, im Außen, und nicht bei mir und dem, was für mich wichtig ist.

Gehe ich allein in die Natur, komme ich zur Ruhe.

Niemand lenkt mich ab, niemand will etwas von mir. Ich beobachte meine Gedanken, nehme meine Gefühle wahr und kann unterscheiden: Ist das wirklich mein Gedanke? Oder kommt er von außen? Denn die Natur gibt keine Ratschläge, sie bewertet nicht, sie hört einfach zu.

Ich brauche keinen Kreis, ich brauche Weite.

Wenn ich für mich allein bin tauchen Ideen und Gedanken auf – manchmal unvermittelt, manchmal aus der Tiefe aufsteigend. Dann kann ich spüren, ob das für mich stimmig ist. Nicht für Person A oder Gruppe B, sondern wirklich für mich. Aus dieser Erfahrung ist eine Überzeugung gewachsen.

Der individuelle Weg ist wertvoll – und verdient Schutz vor äußeren Einflüssen

Die Erkenntnis, dass äußere Einflüsse oft den eigenen Weg überdecken, kam für mich nicht über Nacht. Zuerst waren es nur vage Gefühle, ein Unbehagen, für das ich noch keinen Ausdruck fand. Dann häuften sich die Situationen, in denen ich merkte: Allein finde ich ehrlicher zu mir selbst. Mit der Zeit wuchs meine Überzeugung: Für echte Selbsterkenntnis brauche ich den Raum für mich allein. Nicht den Umweg über eine Gruppe.

An dieser Überzeugung festzuhalten, war und ist nicht immer einfach, denn Gruppen gelten gesellschaftlich als ein Nonplusultra. Teamarbeit, Gruppendynamik, Schwarmintelligenz – überall wird die Gruppe gefeiert. Und die Individualität der Einzelnen? Muss häufig zurücktreten oder sich gar verstecken. Manchmal wird das Alleinsein-Wollen sogar als unsozial bezeichnet. Der Druck, sich einer Gruppe anzuschließen, ist groß. 

Ich möchte dieser – wie ich es empfinde – einseitigen Meinung etwas entgegensetzen. Weil ich aus jahrelanger Erfahrung weiß: Alleinsein hilft mir, ehrlicher zu mir selbst zu finden. In meinem Artikel „Ich bin gerne alleine: Warum das normal ist und warum ich finde, dass wir alle mehr alleine sein sollten“ habe ich deshalb auch ein Plädoyer aufs Alleinsein geschreiben.

Für mein Business habe ich deshalb auch die bewusste Entscheidung getroffen: Meine Angebote gestalte ich so, dass sie individuell umgesetzt werden können.

Denn neue Gedanken, stimmige Gefühle, inneres Wissen – all das sind zarte Pflänzchen. Sie benötigen Zeit, Ruhe und Schutz vor äußeren Meinungen. Sie brauchen die innere Erlaubnis, zu wachsen – langsam, stetig, im eigenen Tempo.

Das verlangt Mut. Den Mut, auch mal einen Spaziergang mit der Freundin abzusagen, um stattdessen allein loszuziehen. Den Mut, dem „will to please“ zu widerstehen, der vor allem uns Frauen seit Generationen anerzogen wurde. Den Mut, zu sagen: Ich brauche jetzt Zeit für mich.

Genau dafür gibt es Freiraum-Pfade: als Raum für Deine eigenen Pfade.

Um langsam in Deinem eigenen Tempo zu gehen.
Um Dich zurückzuziehen, wenn Dir danach ist.
Um das zu finden, was sich für Dich stimmig anfühlt.

Denn Deine Pflänzchen verdienen diesen Schutz.

Sei gegrüßt,
Deine Dagmar

P.S.: Wenn Du wissen willst, wie Du allein in die Natur gehen kannst, zeige ich Dir in meinem Artikel Waldbaden – eine Anleitung für den Einstieg (inklusive 3 Übungen), wie Du Deine ersten Pfade beginnst.


Das, was ich in diesem Einblicke-Artikel aus meiner Erfahrung heraus beschreibe, ist auch wissenschaftlich untersucht. In ihrem Buch „Auf die Füße, fertig, los!“ widmet Annabel Streets dem alleine unterwegs sein ein eigenes Kapitel. Sie zitiert einige Studien, die zeigen, wie wichtig Alleinsein ist: Sind wir allein in der Natur unterwegs, setzen wir uns eher damit auseinander, wer wir sind.

wissenschaftliche Quellen (auf die sich Annabel Streets in ihrem Buch bezieht):

A View from Sociology: The Role of Solitude in Transcending Social Crises – New Possibilities for Existential Sociology

How Personal Transformation Occurs Following a Single Peak Experience in Nature: A Phenomenological Account


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