In der Natur sitzen – ohne Absicht, ohne Tun, ganz bei Dir und dem, was sich zeigt

Normalerweise sind wir immer irgendwie aktiv, wenn wir in der Natur sind. Selbst wenn wir nur vor uns hin schlendern. Beim Natursitzen tust Du dagegen nichts, Du sitzt einfach. Du suchst Dir einen Platz in der Natur – vielleicht unter einem Baum, auf einer Bank, an einem Bach oder einfach auf einer Wiese. Du setzt Dich hin und machst es Dir bequem.

Du tust nichts. Du schaust nicht bewusst umher, um die Natur zu „erleben“ oder versuchst Dich zu entspannen. Du machst keine Atemübungen und meditierst auch nicht. Du planst nicht Deinen Tag und checkst auch nicht Dein Handy.

Natursitzen ist das bewusste Nichts-Tun in der Natur — ohne Ziel, ohne Plan, ohne Erwartung. Du bist einfach nur da und tust nichts, in der Haltung des Nicht-Tuns. Genau dadurch, dass Du Dir keine Ziele setzt, unterscheidet sich das Natursitzen von anderen Naturerfahrungen und öffnet einen Raum, in dem etwas ganz Eigenes entstehen kann.

Einfach da sein – mit offenen Sinnen in Verbindung mit der Natur

Für Dein Gefühl, mit der Natur verbunden zu sein, spielen Deine Sinne eine zentrale Rolle. Sie verbinden Dein Nervensystem mit der Umgebung. Spürst Du über Deine Sinne, was um Dich geschieht, trittst Du mit dem Leben um Dich herum in Beziehung.

Seit Descartes seine (in meinen Augen ziemlich unsinnige) Aussage „Ich denke, also bin ich!“ getroffen hat, gilt Denken als Maß aller Dinge. Zugegeben, seine Aussage hat die moderne Wissensgesellschaft angestoßen, unseren Sinnen messen wir seitdem jedoch kaum mehr eine Bedeutung bei. Wie wichtig sie dafür sind, dass wir (über)leben, haben wir völlig vernachlässigt.

Dieses Außer-Acht-Lassen der Sinne führte zu einer Entfremdung von der Natur. Denn wie soll man Natur denken? Man kann sie nur fühlen. Natursitzen bedeutet, dass Du fühlst – mit offenen Sinnen, während Du nichts tust und in der Haltung des Nicht-Tuns.

Nichts-Tun ist nicht dasselbe wie die Haltung des Nicht-Tuns

Wenn Du nichts tust, beschäftigst Du Dich nicht aktiv, bleibst aber dennoch empfänglich und offen für das, was um Dich herum geschieht. Die Haltung des Nicht-Tuns geht noch etwas tiefer: Du verzichtest bewusst darauf zu handeln, zu wollen, zu sollen oder zu müssen.

Das Natursitzen wirkt genau durch diese Absichtslosigkeit.

Du bist einfach da und sitzt. Vielleicht wandert Dein Blick von selbst zu den Blättern über Dir und Du nimmst die vielfältigen Grüntöne wahr. Vielleicht hörst Du Vogelgesang – in all seinen wunderbaren Varianten. Vielleicht spürst Du den Wind auf Deiner Haut und er erreicht Dein Inneres.

Vielleicht aber auch nichts von alledem. Es ist nicht wichtig. Du lässt alles kommen und gehen, ohne es festhalten oder ändern zu wollen. Du suchst nicht nach etwas Bestimmtem. Du wartest nicht darauf, dass etwas Besonderes passiert.

Das klingt möglicherweise erst einmal so, als würdest Du Zeit verschwenden. Oder dass es sogar sinnlos ist. Warum solltest Du Zeit damit verbringen, einfach nur dazusitzen?

Die Kraft der Absichtslosigkeit beim Natursitzen – was sich zeigt, wenn Du Dir Muße schenkst

Unsere Großeltern kannten das noch: einfach mal in den Himmel schauen, aus dem Fenster blicken oder vor der Haustür sitzen und dem Leben zusehen. Sie hatten nicht mehr Zeit als wir – im Gegenteil. Aber sie spürten noch, was Muße bedeutet, sie schätzten dieses wertvolle Nichts-Tun.

Ich will einfach nur hier sitzen.“ (Loriot)

Muße ist nicht Faulheit. Muße bedeutet, dass Du bewusst verweilst ohne Zweck, ein Geschenk an Dich selbst. Es ist die „Tätigkeit“, einfach da zu sein, ohne etwas produzieren, erreichen oder optimieren zu müssen. Im Natursitzen gibst Du Dir diese Muße zurück.

Was dabei entstehen kann, lässt sich nicht planen oder erzwingen. Manche Menschen erleben eine tiefe Ruhe, die sich in ihrem Körper ausbreitet. Andere entdecken Gedanken, die endlich Raum haben, zu kommen und zu gehen. Wieder andere spüren, wie sie sich mit der Natur verbinden, was sie im Alltag vermissen.

Manchmal passiert auch gar nichts Besonderes – und genau das ist dann das Besondere. 😉

Und wenn es sich langweilig anfühlt?

Ja, das könnte durchaus passieren. Und das ist völlig in Ordnung. Wir sind es nicht mehr gewohnt, uns zu langweilen. So wenig, dass uns der Gedanke daran schon fast Angst macht. Ständig beschäftigt zu sein, ist zur Normalität geworden — Nichts-Tun fühlt sich fremd an.

Wie fremd das ist, zeigt ein Experiment der Psychologen Timothy Wilson und seiner Kollegen: Sie ließen Menschen 15 Minuten alleine in einem leeren Raum sitzen – ohne Ablenkung. Das Einzige, was sie hätten tun können: Sich einen unangenehmen Stromschlag verpassen. Das Ergebnis war verblüffend: Zwei Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen entschieden sich für die Stromschläge. Lieber Schmerz als Langeweile. Das zeigt, wie sehr wir verlernt haben, einfach nur zu sein. 

(Quellenangaben zu diesem Experiment findest Du ganz unten in diesem Artikel)

Hinter der Langeweile wartet Klarheit

Wenn Du Dich beim Natursitzen langweilst, ist das kein Problem – es ist der Anfang. Es zeigt Dir, dass Du Dich aus dem ständigen Beschäftigt-sein löst. Hinter der Langeweile wartet oft eine andere Qualität: Ruhe, Klarheit, ein anderes Zeitgefühl. Erlaube dem einfach, sich zu zeigen.

Es ist wie mit einem See, dessen Oberfläche der Wind kräuselt. Erst wenn der Wind nachlässt, wird das Wasser still und klar – und Du kannst bis zum Grund sehen. So ähnlich ist es mit Deinem Geist beim Natursitzen. Die ersten Minuten mögen zappelig sein, aber dann … dann geschieht etwas Wunderbares: Du wirst ruhig, Dein Zeitgefühl verschwindet, Du könntest ewig dort sitzen bleiben …

Das ist kein esoterischer Quatsch – das ist einfach das, was passiert, wenn Dein inneres System zur Ruhe kommt, wenn Dein Nervensystem sich dem Pulsschlag der Natur angleicht. Das ist das genaue Gegenteil von Langeweile, bei der Du weiterhin unruhig und zappelig bist. In der Muße des Natursitzens stellt sich eine innere Klarheit ein — wie die sich beruhigende Seeoberfläche.

Natursitzen kannst Du überall – fang einfach an!

Das Schöne am Natursitzen: Du brauchst praktisch nichts dafür. Keinen besonderen Ort, keine Ausrüstung, keine Vorbereitung.

Du brauchst nur einen Platz in der Natur, an dem Du Dich wohlfühlst — das kann eine Bank im Park sein, ein Platz unter einem Baum, eine Wiese oder sogar Dein Balkon, wenn Du ins Grüne blicken kannst.

Ich habe meine ersten „ich will einfach nur hier sitzen“-Erfahrungen auf einem ruhigen, von Wald und Wiesen umgebenen Wohnmobilstellplatz gemacht. Ich saß einfach in meinem Campingstuhl, für Stunden, und wollte nichts anderes …

Achte nur darauf, dass Du Dir einen Platz wählst, wo Du ungestört bist und Dich sicher fühlst. Er muss nicht weit weg sein – je näher Dein Naturplatz Deinem Zuhause oder Deiner Arbeitsstätte ist, desto eher wirst Du regelmäßig hingehen. Manchmal reichen schon 10-15 Minuten, um diese besondere Qualität der Muße zu erleben.

Setz Dich in die Natur und tu nichts. Sei gespannt, was passiert — oder eben nicht passiert. Beides ist völlig in Ordnung.

Fang einfach heute damit an!
Deine
FRAU BÖRD

P.S. Willst Du mehr über das Natursitzen erfahren? Dann lies gerne meinen nächsten Artikel: In der Natur sitzen – wie Du ohne Ziel einfach da bist. Darin zeige ich Dir, wie Du Deinen Naturplatz findest – und mit offenen Sinnen Verbindung spürst. Eine Einladung, ganz ohne Ziel.

***

Quellenangaben für das Experiment:

Originalveröffentlichung: Wilson, T. D., Reinhard, D. A., Westgate, E. C., Gilbert, D. T., Ellerbeck, N., Hahn, C., Brown, C. L., & Shaked, A. (2014). Just think: The challenges of the disengaged mind. Science, 345(6192), 75-77. DOI: 10.1126/science.1250830

Internet-Quellen:

  1. University of Virginia News (offizielle Universitätsmitteilung)
  2. Science Magazine (journalistische Aufbereitung)
  3. Spektrum der Wissenschaft (deutsche wissenschaftliche Quelle)

Die PMC-Quelle (Nr. 1) ist kostenlos zugänglich und wissenschaftlich vollständig. Die Originalquelle im Science-Journal könnte kostenpflichtig sein.


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