Natursitzen bedeutet, dass Du bewusst nichts tust in der Natur — ohne Dir Ziele zu setzen, ohne zu planen, ohne zu erwarten. Du setzt Dich einfach irgendwo hin und bist da. Nicht meditieren, nicht entspannen, nicht optimieren. Einfach nur sitzen und Deine Sinne öffnen.
Dadurch, dass Du Dir keine Absichten setzt, unterscheidet sich das Natursitzen von allem anderen, was wir sonst in der Natur tun. In der Muße des Natursitzens entsteht eine besondere Qualität: innere Ruhe, Klarheit, ein anderes Zeitgefühl. Manchmal passiert auch gar nichts Besonderes — und genau das ist dann das Besondere.
Falls Du Dich fragst, ob Du Dich dabei nicht langweilst: Ja, das kann passieren. Und das ist völlig okay. Langeweile ist oft der Anfang von etwas anderem — wie bei einem See, dessen gekräuselte Oberfläche erst still werden muss, bevor Du bis zum Grund sehen kannst.
Hast Du Lust bekommen, Natursitzen mal auszuprobieren? Wunderbar!
Du bist herzlich eingeladen — Du musst Dich nicht vorbereiten, nur bereit sein, es zu probieren und Dich darauf einzulassen.
Diese praktische Anleitung beantwortet die wichtigsten Fragen, die Dir vielleicht durch den Kopf gehen: Wo kann ich das machen? Wie geht das konkret? Wie lange soll ich sitzen? Wann ist der beste Zeitpunkt? Was könnte passieren?
Dort, wo Du einfach nur sein kannst – Dein Platz in der Natur
Für das Natursitzen brauchst Du keinen besonderen und schon gar nicht einen „perfekten“ Ort. Du brauchst nur einen Platz in oder mit Natur um Dich herum.
Wähle Deinen Platz danach aus, ob Du Dich dort sicher und wohlfühlst und weitestgehend ungestört bist. Er muss nicht wild oder abgelegen sein — ein kleiner Stadtpark reicht völlig aus. Je näher Dein Naturplatz zu Hause oder zur Arbeit liegt, desto häufiger wirst Du zu ihm gehen. Idealerweise liegt er keine fünf Minuten Fußweg entfernt.
Naturplätze findest Du fast überall
- Eine Bank im Park
- Ein Platz unter einem Baum
- Eine Wiese am Stadtrand
- Dein Balkon mit Blick ins Grüne
- Ein Stein am Bach
- Ein Steg an einem See
Regelmäßig am gleichen Ort sitzen – oder lieber neue Plätze entdecken?
Wenn Du magst, kannst Du immer denselben Platz aufsuchen. Das hat den Vorteil, dass Du wahrnimmst, wie sich die Natur dort über die Zeit verändert — die Jahreszeiten, das Licht, die Stimmungen.
Kehrst Du immer wieder an den gleichen Platz zurück, so stärkt das Deine Verbindung zur Natur an diesem Ort. Es kann eine Freundschaft zwischen Euch entstehen. Und nicht nur das: Kehrst Du immer wieder in der Haltung des Nicht-Tuns an diesen Platz zurück, gewöhnt sich auch die Natur und die Tierwelt an Dich. Deine Natur-Beziehung wird immer intensiver.
Du kannst aber auch spontan verschiedene Naturplätze aufsuchen, ganz wie es Dir gefällt. Gerade am Anfang wirst Du sicherlich verschiedene Plätze erst einmal ausprobieren wollen. Denn nicht jeder Platz passt zu Dir. Wir reagieren unterschiedlich — suche Dir die Orte, die für Dich und vielleicht auch zu Deiner aktuellen Stimmung passen.
Wie Du in der Natur einfach nur bist – ohne Tun, mit offenen Sinnen
Du setzt Dich hin und tust nichts. Wirklich nichts. Wenn Du magst, kannst Du Dich auch auf den Rücken legen. Das hilft Dir, Dich zu entspannen und loszulassen.
Du darfst Deine Augen offenhalten oder schließen, wie es Dir angenehm ist. Du darfst umherschauen oder geradeaus blicken. Du darfst lauschen oder Geräusche ignorieren. Es gibt kein Richtig oder Falsch beim Natursitzen.
Die einzige „Regel“: Tu bewusst nichts und nimm alles wahr, was da ist.
Einfach nur da sein – mit offenen Sinnen
- Mach es Dir bequem — auf einer Bank, auf dem Boden, angelehnt an einen Baum.
- Lass Handy, Buch oder andere Ablenkungen weg.
- Sei einfach da, ohne etwas Bestimmtes tun zu wollen.
- Du musst nicht meditieren, nicht entspannen, nicht an etwas Schönes denken.
- Lass einfach alles kommen und gehen — Gedanken, Geräusche, Gefühle.
Öffne Deine Sinne und lass das, was Du siehst, hörst, riechst, schmeckst und fühlst, auf Dich wirken — so wie es gerade kommt und geht. Hab dabei keine „Aufgabe“ im Kopf, kein Ziel, keine Erwartung. Du brauchst Dich auch nicht auf einen speziellen Sinn zu konzentrieren. Erlebe die Natur in ihrer ganzen Vielfalt.
So lange, wie es stimmig ist – finde Deine eigene Zeit fürs Sitzen in der Natur
Manche Menschen bleiben nur 5 Minuten, andere sitzen eine Stunde, wieder andere sitzen regelmäßig für 10 bis 15 Minuten — alles ist in Ordnung.
Aber behalte im Kopf: Es geht nicht darum, möglichst lange zu sitzen.
Es geht darum, dass Du diese besondere Qualität des Nicht-Tuns erlebst. Manchmal reichen dafür schon wenige Minuten. Und manchmal klappt es gar nicht. 😉 Nicht schlimm!
Taste Dich langsam an Deine Wohlfühlzeit heran
- Beginne mit 5 – 7 Minuten.
- Stelle Dir gerne einen leisen Wecker oder nutze Deine innere Uhr.
- Du kannst die Zeit nach und nach ausdehnen.
- Genieße, wie Du mit der Natur verschmilzt, solange Du möchtest.
Natursitzen braucht keinen perfekten Moment – nur Deine Bereitschaft
Natursitzen passt in jeden Alltag. Du brauchst keine besonderen Umstände oder den perfekten Moment. Und es gibt auch nicht den richtigen Moment dafür.
Jede Tageszeit bringt ihre eigene Stimmung mit sich. Morgens ist die Natur oft besonders lebendig, abends kommt die Natur zur Ruhe. Probiere verschiedene Zeiten aus und finde heraus, was Dir gefällt.
Was alles passende Momente sein können
- In der Mittagspause — statt vorm Handy
- Nach Feierabend — als Übergang vom Arbeitstag
- Am Wochenende — als kleine Auszeit
- Morgens vor dem Tag — wenn Du gerne früh aufstehst
- Zwischendurch — wenn Du sowieso draußen bist
- Abends vor dem Schlafengehen — falls Du dann nicht zu müde bist
Auch das Wetter spielt keine große Rolle. Natursitzen bei Regen, Wind oder sogar Schnee bietet ganz neue Erfahrungen — solange Du Dich wohlfühlst. Nimm dafür dann Regenschirm, Sitzunterlage und warme Kleidung mit. Naturverbundenheit kannst Du das ganze Jahr über spüren — jede Jahreszeit hat ihre eigene Qualität.
Was sich zeigen kann – ohne dass Du es erwartest
Das ist das Schöne am Natursitzen: Du weißt nie, was passiert. Jedes Mal kann anders sein.
Aber Achtung: Erwarte nicht, dass etwas passiert! Jede Erfahrung ist anders, jedes Sitzen ist anders. Nimm einfach wahr, was Dir Deine offenen Sinne zeigen.
Mögliche Erfahrungen, wenn Du einfach da bist
- Eine tiefe Ruhe breitet sich in Dir aus.
- Dein Atem wird ruhiger, ohne dass Du etwas dafür tust.
- Du spürst Wind, Wärme oder Kühle intensiver als sonst.
- Geräusche werden deutlicher — Vogelgesang, Blätterrascheln, ferne Stimmen.
- Gedanken kommen und gehen, ohne Dich zu stressen.
- Du spürst, wie Du Dich mit dem Ort verbindest.
- Die Zeit vergeht wie im Flug oder scheint stillzustehen.
- Du bemerkst Details in der Natur, die Dir vorher nie aufgefallen sind.
Auch das kann passieren – und ist vollkommen okay
- Du wirst unruhig oder langweilst Dich.
- Gedanken kreisen um Alltägliches.
- Du zweifelst, ob Du es richtig machst.
- Du spürst erst mal gar nichts Besonderes.
All das ist völlig normal und alles ist genau richtig, so wie es ist. Es gibt keine falschen Erfahrungen beim Natursitzen.
Was, wenn es nicht klappt? – Deine Zweifel dürfen mitkommen
Wahrscheinlich gehen Dir jetzt verschiedene „Was, wenn …“-Fragen durch den Kopf. Hier sind häufige Zweifel und warum sie völlig in Ordnung sind:
„Was, wenn mir langweilig wird?“ Langeweile ist okay und sogar wertvoll. Sie zeigt Dir, wie sehr Du an ständige Beschäftigung gewöhnt bist. Lass die Langeweile da sein — oft wandelt sie sich nach ein paar Minuten in etwas anderes.
„Was, wenn ich abgelenkt werde?“ Ablenkungen gehören dazu — Geräusche, andere Menschen, Deine eigenen Gedanken. Du musst sie nicht bekämpfen. Nimm sie wahr und kehre sanft zum einfachen Dasein zurück.
„Was, wenn ich nichts spüre?“ Auch nichts zu spüren ist eine Erfahrung. Manchmal ist das Besondere am Natursitzen gerade das Gewöhnliche, das Stille, das scheinbar Ereignislose. Und das kann sehr ungewohnt sein.
„Was, wenn ich es nicht schaffe, nichts zu tun?“ Das ist menschlich. Unser Geist ist ans Beschäftigtsein gewöhnt (er ist sogar evolutionär darauf getrimmt). Sei geduldig mit Dir. Schon wenn Du versuchst, nichts zu tun, gehst Du einen Schritt in die richtige Richtung. Fange mit kleinen Schritten an.
„Was, wenn ich mich unwohl fühle?“ Dann steh auf und geh spazieren. Natursitzen soll Dich nicht zwingen. Und schon gar nicht dazu, dass Du unangenehme oder gar beängstigende Gefühle oder Gedanken aushältst. Vielleicht ist der Ort nicht der richtige für Dich, oder heute ist nicht der richtige Tag. Das ist völlig in Ordnung. Zwing Dich zu nichts.
Vielleicht haben Dir diese Einwände schon ein wenig geholfen. Vielleicht bist Du auch weiterhin skeptisch?
Dann erfährst Du in meinem Artikel „In der Natur sitzen – ohne Absicht, ohne Tun, ganz bei Dir und dem, was sich zeigt“ noch ein bisschen mehr über Natursitzen und wie es sich auswirkt, wenn Du Dir keine Absichten setzt. Ich habe in diesem Artikel über Natursitzen geschrieben, als das bewusste Nichts-Tun in der Natur — ohne Dir Ziele zu setzen, ohne zu planen, ohne etwas zu erwarten. Du bist einfach nur da und tust nichts, in der Haltung des Nicht-Tuns.
Denn genau dadurch, dass Du Dir keine Ziele setzt, unterscheidet sich das Natursitzen von anderen Naturerfahrungen und öffnet einen Raum, in dem etwas ganz Eigenes entstehen kann.
Am besten probierst Du es einfach mal aus und machst Deine eigenen Erfahrungen. Du hast jetzt alles, was Du brauchst: einen Ort, eine Vorstellung davon, wie es geht, und die Gewissheit, dass es kein Richtig oder Falsch gibt.
Setz Dich in die Natur. Für ein paar Minuten. Einfach nur da sein.
Sei gespannt auf das, was geschieht – oder nicht geschieht.
Deine
FRAU BÖRD
P.S.: Falls Du Lust hast, Deine Erfahrungen beim Natursitzen zu vertiefen, dann lies gerne den nächsten Artikel dieser dreiteiligen Serie: In der Natur sitzen – mit Journaling und offenen Sinnen Dir selbst begegnen. Dort zeige ich Dir, wie Du Deine Erfahrungen beim Natursitzen mit der Methode des Naturverbindung-Journaling reflektierst — als Pfad zu mehr innerem Freiraum.