Die Nacht war furchtbar. Eine dieser tropischen Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt. Ich wälzte mich im Bett herum, suchte vergeblich nach einer kühlen Stelle auf dem Kissen. Der Schlaf kam nur in kurzen, unruhigen Phasen.
Beim Aufwachen fühlte ich mich wie gerädert – körperlich erschöpft und angespannt zugleich, mental in einer trüben, gereizten Stimmung.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, spazieren zu gehen. Aber bei dem Gedanken an die Hitze, die schon am frühen Vormittag in der Luft lag, hatte ich keine wirkliche Lust. Das erschien mir viel zu anstrengend. Ich wollte einfach nur drinnenbleiben, wo es wenigstens etwas kühler war!
Gleichzeitig machte mir das auch ein bisschen Angst. Denn es würde wieder ein heißer Tag werden, an dem ich mich den Rest der Zeit in der Wohnung verbarrikadieren müsste – genau wie den Tag davor. Mehrere Tage hintereinander nur drinnen zu verbringen, tut mir nicht gut. Das schlägt mir auf die Stimmung. Dann doch lieber aufraffen und überwinden, damit ich wenigstens ein bisschen in der Natur bin.
Die Luft war warm und schwer, genau wie ich es befürchtet hatte. Meine Muskeln waren völlig verspannt, jeder Schritt fühlte sich steif an. Im Kopf wälzte ich weiterhin die gleichen Themen, meine trüben Gedanken drehten sich im Kreis. Ich lief vor mich hin, spann mir irgendwelche Szenarien im Kopf zusammen und diskutierte mit mir selbst.
Doch dann spürte ich den Wind auf meiner Haut, sah, wie er durch die Bäume blies und hörte, wie er durch die Gräser strich. Zunächst nur leicht, aber schon das brachte etwas Frische. Schritt für Schritt lockerten sich meine Muskeln, mit der Zeit fühlten sich meine Beine und mein Rücken weniger steif an.
Gleichzeitig begann sich meinen Kopf zu entspannen. Die Gedanken kreisten nicht mehr so hartnäckig um die gleichen dämlichen Sätze. Es war, als würde der Wind nicht nur meinen Körper berühren, sondern allmählich auch meine trüben Gedanken wegpusten – wie Wolken am Himmel.
Mir fiel ein, dass ich mal etwas über die Sami gehört hatte – die Ureinwohner Nordskandinaviens. Irgendwas mit dem Wind, der die Seele frei pustet oder so ähnlich. Ich konnte mich nicht mehr genau erinnern, aber das war mir in dem Moment egal. Ich erlebte es gerade: Der Wind blies meine Seele frei — und brachte sprichwörtlich frischen Wind in meine Gedanken. Die Sami werden ja als „Volk der Sonne und des Windes“ bezeichnet, und ich verstand plötzlich, warum. Diese naturverbundenen Menschen wissen schon sehr lange, wie der Wind einen berühren kann. Und dass diese kleinen Momente große Wirkung entfalten können.
Jetzt konnte ich wirklich wahrnehmen, was um mich herum blühte und grünte. Vorher war ich wie mit Scheuklappen an den Pflanzen vorbeigelaufen, gefangen in meinen sich wiederholenden Gedanken und meinem steifen Körper. Nun sah ich die leuchtenden Blüten, die zarten Gräser, das Farbenspiel der Grüntöne. Ich ließ den Wind mit geöffneten Armen über meinen Körper streichen und fühlte mich nicht nur körperlich frischer, sondern auch wieder mit der Natur verbunden. Ich war angekommen auf meinem Spaziergang. Und überrascht, wie gut mir das tat — trotz der Wärme.
Toll, dass ich mich an diesem Morgen überwunden und trotzdem rausgegangen bin! Obwohl so vieles dagegen gesprochen hatte: die schlechte Nacht, die Hitze, meine gereizte Stimmung. Wäre ich in der Wohnung geblieben, hätte ich diese Erfahrung verpasst. Und auch, wie der Wind mich überrascht hat. Ich habe mir diesen Moment später notiert – einfach, um ihn nicht zu vergessen.
Dieser kleine Moment hat sich angefühlt wie ein Geschenk – gerade, weil ich ihn nicht gesucht hatte.
Welche Momente haben in Deinem Leben schon mal große Wirkung entfaltet?